Flüchten um anzukommen. Das war das Thema der diesjährigen Lesbentagung der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Die Lesbentagungen gibt es seit über 30 Jahren.

Etwa sechzig Frauen verbrachten das Wochenende vom 3. Advent in der Evangelischen Akademie in Bad Boll. Das Tagungsprogramm war spannend und herausfordernd zugleich. In Vorträgen, Podiumsdiskussion und Workshops ging es um verschiedene Fluchtbewegungen. Aber auch um beglückende Momente des Ankommens. Bei sich selbst, bei anderen oder in einem anderen Land.

Zu den Vortragenden und Podiumsteilnehmerinnen:

Resty, eine lesbische junge Frau aus Uganda, erzählte ihre Lebensgeschichte. Detaillierter werde ich von ihrer Geschichte in meinem nächsten Blog schreiben. Resty hat viel Gewalt, Demütigung und Verfolgung erlebt. Ihre Fluchtgeschichte nach Deutschland war dramatisch und gefährlich. Mittlerweile hat sie mit Hilfe von LeTRa, einer lesbischen Beratungsstelle in München, endlich einen Ort in Deutschland gefunden, den sie in Deutschland zuhause nennt. Trotz aller Trauer und Gewalterfahrung ist sie hoffnungsvoll und kämpferisch.

„Ich träume davon, hier in Deutschland als Sozialarbeiterin arbeiten zu können. Das habe ich in Uganda studiert. Ich möchte Verfolgten und Geflüchteten aus anderen Ländern helfen. Denn ich weiß, wie sich das anfühlt und wie groß die Probleme sind. Mit Hilfe von  vielen Menschen habe ich es geschafft in Deutschland anzukommen. In der Lesbenberatungstelle in München habe ich ein Zuhause gefunden. Dort hat mir endlich jemand zugehört. Die Frauen dort nehmen mich ernst und unterstützen mich. Das tut gut. Die Hilfe, die ich dort erhalten habe, möchte ich gerne an andere weiter geben.“

Der Weg für Resty ist noch lang. Sie möchte besser Deutsch lernen und Sprachbarrieren abbauen. Sie möchte sich in Deutschland auch für  Lesben, Schwulen, Bi- und Trans-Menschen in ihrer Heimat Uganda einsetzen und ihre lebensgefährliche Situation bekannter machen. Sie hofft, dass ihr Studium anerkannt wird und sie als Sozialarbeiterin arbeiten kann. Resty ist nicht mehr allein in Deutschland. Sie engagiert sich mittlerweile für Mirembe, einem Wohnprojekt für besonders schutzbedürftige Frauen und ihre Kinder in München. Und dafür ist sie dankbar.

Die Diakonin und Organisationsberaterin Eva Burgdorf berichtete anschaulich über die Aktivitäten vom Lesbenverein Intervention in Kooperation mit anderen Trägern in Hamburg zum Schutz und zur Begleitung von queeren Geflüchteten in Hamburg. Hier ist noch viel zu tun, bis das besondere Schutzbedürfnis von queeren Geflüchteten auch bei Mitarbeitenden in Kommunen, Bund und Ländern angekommen sein wird. Information und Aufklärung offizieller Stellen, Unterstützung von queeren Geflüchteten und Schutz vor homo- und trans-feindlichen Übergriffen sind die wichtigsten Bausteine ihrer Arbeit.

Isabelle Melcher ist transident und hat einen langen Weg zurück gelegt. Nach vielen Jahren Suche und Kampf um Akzeptanz ist sie mittlerweile bei sich angekommen. Jenseits von Schubladen, Etiketten und Stereotypen. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in der Beratungsstelle für transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen in Ulm. Es ist ein Teilprojekt im Rahmen eines Gesamtkonzepts, das vom Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg zur Beratung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen angeboten wird. Und sie ist Mitglied im Sprechendenrat Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg . Isabelle kennt den leidvollen Weg von vielen Trans-Menschen, sie weiß um ihren Kampf um medizinische und psychologische Begleitung und das ringen um volle Anerkennung. Trotzdem gelang es ihr, ihre Geschichte mit viel Humor und Selbstironie anhand einiger Überlegungen zu Schubladen und Schubladendenken den Zuhörerinnen nahe zu bringen.

Gerrit Bopp ist Mitarbeiterin im Ministerium für Soziales und Integration im Referat für Gleichstellung im Land Baden-Württemberg. Sie berichtete aus ihrer professionellen Sicht von der kontroversen und emotional aufgeladenen Geschichte und Weiterentwicklung des Aktionsplans für Akzeptanz und gleiche Rechte für Menschen verschiedener sexueller Orientierung und Genderidentitäten. Hier sind mittlerweile auch dank der grün-roten und mittlerweile grün-schwarzen Regierung unter dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann viele Meilensteine auf dem Weg zur Gleichberechtigung gelungen.

Marion Lüttig vom Vorstand des Lesben- und Schwulenverbands in Baden-Württemberg (LSVD) berichtete von Aktivitäten und vom Engagement des Verbands im Hinblick auf die rechtliche und politische Gleichstellung von LSBTTIQ in Baden-Württemberg. Da sie seit einiger Zeit in München arbeitet und nicht mehr für den Vorstand des LSVD Baden-Württemberg kandidiert, wird der LSVD ab 2018 auf den Lesbentagungen von Jazz Türk vertreten werden.

Neben Vorträgen und der Podiumsdiskussion gab es vertiefende Workshops zu den genannten Themen und zur queeren Re-Lektüre biblischer Texte. Am Samstag Abend wurde die Studienleiterin der Evangelischen Akademie Bad Boll, Dr. Irmgard Ehlers, in den Ruhestand verabschiedet. Ihr wurde für ihr jahrzehntelanges Engagement bei den Lesbentagungen gedankt. Insbesondere dann, wenn die Lesbentagungen an der Akademie in den Verantwortungsbereich einer neuen Studienleiterin übergeben wurden, hat Irmgard Ehlers für Kontinuität und professionelles Know How bei den Tagungen gesorgt.

Höhepunkt der Feier am Samstagabend war die Ehrung von Dr. Monika Barz , die im Frühjahr 2018 für die Mitarbeit bei den Lesbentagungen an der Heimvolkshochschule Loccum und an der Evangelischen Akademie Bad Boll seit 1986 und für ihr gesellschaftspolitisches Engagement zur Gleichstellung von LSBTTIQ in Baden-Württemberg mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird. Mit Sekt, Reden und Laudatio wurden ihre Verdienste in Erinnerung gerufen und gefeiert.

Herzlichen Glückwunsch Monika Barz!

Mit einem bewegenden Gottesdienst ging die Lesbentagung in Bad Boll zu ende. Es war eine spannende und interessante Tagung. Die Lebensgeschichten von Resty und ihrer Freundin Biggy aus Uganda haben den Teilnehmenden konkret gezeigt: Homo- und Transfeindlichkeit und Gewalt gegen LSBTTIQ sind in manchen Ländern der Welt  immer noch  an der Tagesordnung. Es ist vielerorts immer noch lebensgefährlich sich zu outen. Da ist Solidarität und Unterstützung auf ganz verschiedenen Ebenen gefragt.

Die meisten Teilnehmerinnen werden wieder kommen. Denn auch im nächsten Jahr im Dezember wird es wieder heißen: Willkommen zur Lesbentagung in Bad Boll!

 

Zum Weiterlesen:

Söderblom, Kerstin, Monika Barz: Eine Pionierin lesbisch-feministischer Sozialarbeit.

 

 

 

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