Mit allen Sinnen können wir Gottes Wort schmecken, spüren und erkennen. So einfach ist es aber nicht, wie die Geschichte dieses biblischen Verses zeigt. 

„Dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund, in deinem Herzen und deinem Verstand, so dass du dich danach richten kannst. (Dtn 30,14)

Im fünften Buch Mose formulierte Mose sein Vermächtnis an das Volk Israel. Mose befand sich am Ende eines langen Weges von der Knechtschaft in Ägypten kurz vor der Freiheit im gelobten Land Kanaan. Laut biblischer Darstellung waren sie 40 Jahre durch Wüstengebiete unterwegs gewesen. Sie hatten Hunger und Durst, Kälte und Hitze überlebt. Viele Gefahren, Krisen und Konflikte hatten sie durchlitten und gemeistert. Und trotz all dieser Strapazen konnte Mose selbst den Einzug ins gelobte Land nicht mehr miterleben. Er starb kurz vorher und durfte das gelobte Land nur noch aus der Ferne sehen. Umso wichtiger war es ihm, seine letzten Verfügungen auf den Weg zu bringen. Besser gesagt waren es Gottes Verfügungen an Israel. Mose gab sie als Vermittler weiter, damit das Volk Israel sie als Wegweiser mitnehmen konnte. Ohne Gesetz und Moral sollte das neue Israel nicht aufgebaut werden.

Die Botschaft war klar: Gott sollte als einziger Gott geehrt werden. Die Gebote und Weisungen Gottes sollten gehalten werden. Und nie sollte vergessen werden, dass Gott das Volk Israel mit Hilfe von Mose, Aaron und Mirjam aus der Unterdrückung in Ägpyten befreit und in die Freiheit geführt hatte (Dtn 6, 4-9).  Es ging um nicht mehr und nicht weniger. Wenn sich das Volk Israel an diese klaren Ansagen hielt, hatte es nach Moses Überzeugung nichts zu fürchten.

Doch die Erfahrungen hatten bereits auf dem Marsch durch die Wüste gezeigt, dass es schwer werden würde: Der Tanz um das Goldene Kalb, die Unzufriedenheit, das Murren von vielen auf dem Weg. Statt die Worte Gottes zu halten, liefen viele lieber anderen Göttern nach. Ihre Sorgen und Nöte waren größer als ihr Glaube. Angesichts der Gefahren und Strapazen auf dem Weg war das mehr als verständlich. Und trotzdem: Warum konnten sie Gottes Worte und seine Weisungen nicht einfach annehmen und befolgen? Warum haben sie sich so schwer damit getan? Und warum tue ich mich heute so schwer damit? Obwohl Gottes Wort doch angeblich in mir steckt. Mit Mund, Herz und Verstand, also mit allen Sinnen könnte ich es spüren und erleben.

Ich verstehe das so: Der biblische Vers ist eine Einladung, es zu versuchen. Immer wieder. Offen sein für Gottes Wort. Und der Vers ermutigt mich, Gottes Wort im Alltag mit allen Sinnen zu suchen, zu erahnen und aufzunehmen. Wo immer es mir begegnet. Trotz oder gerade weil es schwer ist und so oft misslingt. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete und achtsame Zeit.

 

Zuerst veröffentlicht am 1.02.2018 im Evangelischen Studienwerk.

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