17.03.2019

Social Media und Kirche

Die letzten Tage habe ich viel Youtube gehört. Ok, das ist für viele nichts Besonderes. Youtube gehört für sie ganz normal zum Alltag dazu. Für mich aber nicht.

Youtube ist immer noch was Besonderes für mich. Ich bin 55 Jahre alt, und ich höre immer noch gerne meine CDs auf dem CD-Player, und ich schaue TV, weil ich es gewohnt bin. Und wenn ich verschiedene Stimmen und Meinungen hören möchte, dann höre ich Radio. Streaming-Dienste und Youtoube-Kanäle sind mir nur bedingt vertraut. Wenn ich was auf Youtube hören will, muss ich mich dazu aktiv antreiben. Das habe ich die letzten Tage gemacht.

Zum einen folge ich den Videos von Nadia Bolz-Weber. Sie ist eine Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in den Vereinigen Staaten (ELCA). Sie ist in den USA und darüber hinaus seit einigen Jahren bekannt, für viele ist sie ein echter Star. Sie war Alkohol- und Drogenabhängig und ist relativ spät zur Theologie und zur lutherischen Kirche gekommen. Mittlerweile ist sie ordinierte Pfarrerin, voll tätowiert und spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie hat eine eigene Gemeinde gegründet.

Die Gemeinde heißt „House of Sinners and Saints“. Erst passten die Gemeindeglieder in ihr Wohnzimmer, mittlerweile sind es mehrere hundert Gemeindeglieder. Sie sind jung, alt, homo, hetero, trans und queer, schwarz, weiß, abhängig, trocken oder nicht abhängig, das volle Spektrum: gläubig, zweifelnd, suchend, fragend und mehr.

Was die Leute zusammenhält: Die lutherische Erkenntnis, das alle Menschen zugleich sündig und gerechtfertigt sind, sündig und heilig, wie der Name der Gemeinde es ausdrückt. Und diese ambivalente Existenz ist nach Nadia Bolz-Weber ein Geschenk, gegeben von Gott ohne Vorleistung. „Allein aus Gnade“, so hat es Martin Luther ausgedrückt. Dieser Zuspruch hält die Leute zusammen und hat auf viele eine unterstützende und heilsame Wirkung, vor allem für diejenigen, die bisher aus christlichen Kreisen ausgegrenzt wurden, weil sie als sündig, unnormal oder sogar teuflisch abgestempelt worden sind.

Zum anderen folge ich Jana Highholder. Sie ist eine zwanzigjährige Medizinstudentin. Sie lebt in Münster, ist Poetry Slammerin und vloggt seit etwa einem Jahr über ihr Leben und ihren Glauben auf dem YouTube-Kanal „Jana glaubt“.

Jana ist evangelisch und gläubig. Sie ist sozial in Uni-Zusammenhängen und in jungen Gemeinden zu finden. Sie spricht mit ihrer lockeren und natürlichen Art vor allem junge Leute an. Sie kommt sympathisch rüber, spricht unverkrampft über ihren Glauben ohne moralisch oder abwertend zu sein.

Ich würde sie wertekonservativ und fromm nennen. Sie kommt nicht altbacken oder langweilig rüber, sondern cool, witzig und freundlich. Sie ermutigt junge Leute für sich selbst, ihre Überzeugungen und für ihren Glauben einzustehen.

Sie wehrt sich gegen vorschnelle Verurteilungen, Hass-Kommentare und Besserwisserei sowohl von atheistischer als auch von besonders frommer Seite. Sie steht für einen authentischen Ausdruck von christlichem Glauben junger Leute zwischen 14 und 29 Jahren. Da sie Medizinstudentin und offensichtlich klug und sozial kompetent ist, hat sie für viele eine hohe Glaubwürdigkeit und kommt gut an.

Ihr Videokanal wird von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), vom Gemeinschaftswerk Evangelische Publizistik (GEP) und von der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Jugend (aej) unterstützt und technisch begleitet. Diese Tatsache wird digital aber eher im Hintergrund gehalten.

Nadia Bolz-Weber hingegen geht sehr offensiv damit um, dass sie Pastorin der lutherischen Kirche in den USA ist. Allerdings hat sie dadurch das Erstaunen der Leute zumeist auf ihrer Seite, da ihr Äußeres und ihr gesamter Habitus überhaupt nicht zu einer Pfarrerin passen mag. Dieses Erstaunen macht sie sich zunutze. Ihre „Street Credibility“ nutzt sie aktiv, um ihre Positionen mit Beispielen aus ihrem Leben und aus dem ihrer Freund*innen und ihrer Gemeinde zu konkretisieren. Das kommt gut an.

Ich werde wohl beiden Frauen weiterhin auf Youtube folgen. Ich kann von beiden was lernen. Ganz sicher jedenfalls ihren ungezwungenen Umgang mit den neuen Medien. Was mich beeindruckt: Ihre rhetorische Stärke, sich vor der Kamera locker, verständlich und witzig auszudrücken. Ich will und kann das nicht kopieren. Aber es zeigt mir: Es kommt an, wenn Menschen, die glauben, sich raus in die Welt begeben und aus ihrem Alltagsleben erzählen. Storytelling wirkt oft mehr als geschliffene Predigten.

Digital erreichen Vorbilder im Glauben also mindestens genauso viele Menschen wie real. Zumeist mehr, denn ein Mausklick ist niedrigschwellig und einfach.

Beide Formen der Ansprache können nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es sind unterschiedliche Formate und Sprachspiele. Beide sind wichtig.