26.04.2019

Meine Karfreitagspredigt von 2019, gehalten in der Inselkirche auf Juist.

Heute, am Karfreitag, spreche ich, der Lieblingsjünger von Jesus, zu Ihnen. Manche nennen mich Johannes. Aber mein Name tut nichts zur Sache. Ehrlich gesagt will ich lieber anonym bleiben. Denn die Stimmung ist nicht gut, wenn man sich als Jesusanhänger outet. Die Soldaten des römischen Statthalter Pilatus sind überall. Die Situation ist weiterhin angespannt und gefährlich. Die Soldaten könnten mich, die anderen Jünger, Maria von Magdala und Jesus Mutter Maria ebenfalls festnehmen. Wir gehören zum engsten Kreis von Jesus.

Und was Jesus vorgeworfen wurde, kann auch uns vorgeworfen werden: Hochverrat, Planung eines Aufstands, Amtsanmaßung als angeblicher König der Juden.

Und ich weiß nicht, was sie Jesus noch alles vorgeworfen haben. Ich will es auch gar nicht wissen. Denn gerechtfertigt war nichts davon. Aber das war denen ja egal. Ein faires Verfahren gab es nicht. Jesus ist der wütenden Meute zum Fraß vorgeworfen worden.

Heute Morgen ist nur eins entscheidend: Ich war dabei, als mein geliebter Jesus starb. Ich habe mit gelitten und musste sein Leiden und sein Sterben mit ansehen. Für mich, Maria von Magdala und vor allem für seine Mutter Maria war es eine Katastrophe. Wie konnte es nur so weit kommen?

Nun bin ich bei der Testamentseröffnung von Jesus dabei.
Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um sein Vermächtnis, um sein Erbe. Es geht darum, das nicht zu vergessen, was Jesus gepredigt, gelehrt und getan hat. Warum? Weil sonst alles umsonst gewesen wäre.

So bin ich also heute hier, um von den Geschehnissen zu berichten. Das ist mein Testament für die Nachwelt. Später werden sie es Johannesevangelium nennen. Es ist mein Versprechen an Jesus, Zeugnis abzulegen von allem, was ich mit Jesus erlebt habe. Hiermit erfülle ich es. Dabei fällt es mir unendlich schwer, von all dem zu sprechen, was passiert ist.

Es war der schlimmste Tag in meinem Leben. Denn mein bester Freund und Lehrer ist gestorben. Und ich musste es mit ansehen. Das Todesurteil hat der römische Statthalter Pontius Pilatus ausgesprochen. Jesus war von römischen Soldaten festgenommen und vor den Statthalter geführt worden. Der sollte Recht sprechen. Da habe ich noch gehofft und gebetet, dass er freigesprochen würde. Aber Jesus hatte keine Chance. Dabei sollte ein Gefangener sogar begnadigt werden. Aber es war nicht Jesus. Die aufgebrachte Menge vor dem Amtssitz des Pilatus schrie: „Kreuzigt ihn, kreuzigt ihn!“ Ich stand selbst in der Menge. Es war furchtbar da zu stehen: Dieser blinde Hass, diese Wut und Häme, die ich da gespürt habe. Es ist mir eiskalt den Rücken herunter gelaufen. Wie können Menschen das Menschen nur antun? Es war wie eine Massenpsychose. Einige haben angefangen zu brüllen und dann stimmten immer mehr ein. Bis dann alle nur noch schrien. Wie die Verrückten. Und das waren sie auch. Verrückt. Verrückt vor Hass. Was hatte Jesus denn getan? Und warum wurde er zum Tode verurteilt? Er war doch unschuldig!

Schon als Junge hatte Jesus die heiligen Bücher der Thora studiert, er kannte alle Gebote. Und er hat sie ausgelegt. Wie ein guter jüdischer Prediger und Rabbi das eben tut. In den letzten drei Jahren seines Lebens ist er als Wanderprediger unterwegs gewesen in Galiläa und rund um den See Genezareth. Ich und viele anderen waren mit dabei.

Es war eine glückliche Zeit. Wir haben viel erlebt und ich habe viel von Jesus gelernt. Wir haben einfache Menschen in den Dörfern besucht: Frauen und Männer, Kranke und Gesunde, Arme und Reiche, Angesehene und Verachtete. Was mich beeindruckt hat: Gerade diejenigen, die am Rand standen und in den Dörfern nichts zu lachen hatten, wie chronisch Kranke, Alte, Ehebrecherinnen oder Zöllner, gerade die hat Jesus besucht. Er hat mit ihnen gesprochen und gegessen, er hat sich Zeit genommen und für sie die Bibel ausgelegt. Dabei hat er sich auf die alten Traditionen bezogen. Er kannte sie ja. Aber einiges hat er auch kritisiert und anders gesehen. Zum Beispiel:

Das Gesetzt ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für das Gesetz!

Das hat Jesus immer wieder gesagt. Und daran hat er sich auch selbst gehalten. Er hat auch am Sabbat geheilt. Denn die Menschen gingen vor, nicht das Gesetz. Die Gesetze sind dafür da, das Zusammenleben der Menschen zu regeln und sie zu beschützen. Sie sollen die Menschen aber nicht gängeln und unterdrücken. Diese Haltung von Jesus hat vielen eingeleuchtet. Mir auch.

Außerdem hat es Jesus geschafft, die alten Bibeltexte in einfachen Worten zu erklären und mit Vergleichen aus dem Alltag anschaulich zu machen. Das war faszinierend zu erleben. Die Menschen haben ihn verstanden. Deshalb hat Jesus auch so eine Anziehungskraft auf die Menschen gehabt. Er hat sie ernst genommen und respektiert. Was war daran falsch?

Und dann ist er festgenommen worden. Sie haben ihn geschlagen, verhöhnt und lächerlich gemacht. Gerade ihn, der andere stets respektvoll behandelt hat. Nach der Verurteilung musste er sein eigenes Kreuz auf den Hügel Golgatha tragen. Es war klar, dass er das allein nicht schaffen konnte. Er war ja schon viel zu schwach. Aber niemand hat ihm freiwillig geholfen. Im Gegenteil. Die Menge hat ihn verlacht, beleidigt, angespuckt. Es war furchtbar.

Es gab aber auch einige, die nichts gesagt haben. Sie blieben still und haben sich für die Meute geschämt. Aber sie haben sich nicht getraut etwas zu sagen. Das habe ich ja auch nicht. Es wäre zu gefährlich gewesen. Dann hätten sie mich und die anderen bestimmt auch festgenommen und verurteilt. Also haben wir nichts gesagt. Im stummen Protest haben wir ausgeharrt und sind dageblieben. Aber die ganze Situation war eine Qual.

So einen Spießrutenlauf hatte ich vorher noch nie erlebt. Nur Jesu Mutter Maria, ihre Schwester und Maria von Magdala waren außer mir noch da. Immerhin. Niemand von uns war allein. Wir fassten uns an den Händen und versuchten uns irgendwie gegen die Meute abzuschirmen. Ich hatte Angst um Jesus. Aber auch um mein eigenes Leben.

Dann wurde Jesus das Gewandt abgenommen. Die Soldaten haben darum gewürfelt. Eine Schande war das. Ein Mann war im Begriff zu sterben, und die Soldaten würfelten um die Kleider. Wie grausam war die Welt geworden!

Dann nagelten sie Jesus ans Kreuz. Es war eine furchtbare Folter. Jeder Hammerhieb fühlte sich so an, als wenn sie die Nägel durch meine eigenen Hände getrieben hätten. Ich schrie in mich hinein. Nach außen blieb ich ruhig. Denn ich hatte Angst. Genau wie Maria und Maria von Magdala. Alle anderen schienen sich eher zu amüsieren. Sie wollten Jesus leiden sehen. Ich betete, dass Jesus nicht länger leiden musste. Ich hatte keine Hoffnung mehr auf Rettung. Aber er sollte wenigstens nicht mehr so leiden.

Dann sprach Jesus ein letztes Mal mit uns.

Er sagte zu seiner Mutter:  „Siehe, das ist dein Sohn!“

Und zu mir sagte er. „Siehe, das ist deine Mutter!”

Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können: Jesus war fast tot. Aber er sprach nochmal mit uns. Es war sein Vermächtnis. Er hatte Augenkontakt mit uns. Und er vertraute mir seine Mutter an und mich seiner Mutter an. Das war ein starker Augenblick, den ich nie vergessen werde.

Jesus hatte Vertrauen in mich. Er hat mir etwas zugetraut. Und wir haben uns angeschaut, kurz bevor er gestorben ist. Das bedeutet mir sehr viel. Ich werde immer für seine Mutter sorgen. Und ich werde Jesus immer in Erinnerung behalten und seine Worte und Taten bezeugen. Das steht für mich fest.

Etwas später sprach Jesus seine letzten Worte:

Es ist vollbracht!“

Er klang erleichtert. Fast dankbar. Dann starb er.

Da fingen Maria, Maria von Magdala und ich an zu weinen. Wir konnten nicht mehr. Es war zu schrecklich. Maria musste als Mutter zusehen, wie ihr Kind stirbt. Ich konnte meinem besten Freund und Lehrer nicht helfen. Diese Ohnmacht war grausam. Und um uns herum war niemand da, der uns geholfen hat.

Im Gegenteil. Die Leute schienen vom Leid angezogen zu werden. Es war ja nicht ihr Leid. Dagegen standen wir als kleine trauernde Gruppe unterm Kreuz und spürten gemeinsam den riesigen Verlust. Die Leere, den Schmerz, die Ausweglosigkeit. Nun waren wir auf uns gestellt. Jesus würde uns nicht mehr sagen können, wie es weitergeht. Nun mussten wir Verantwortung übernehmen. Das fühlte sich bleischwer an. Wie konnten wir nach diesem Verlust weitermachen? Und wohin mit unserem Schmerz?

Aber wir waren nicht allein, schärfte ich mir ein. Jesus hatte uns kurz vor seinen Tod noch einmal gestärkt und uns einander anvertraut. Seinen Segen hatten wir. Das las ich in seinen Augen. Das tat mir gut und gab mir Hoffnung auf die Zukunft.

Jetzt verstand ich auch, was uns Jesus die letzten Wochen vor seinem Tod erzählt hatte. Er sagte sinngemäß: Es wird eine Zeit geben, da werde ich nicht mehr unter euch sein. Da müsst ihr als meine Vertraute von mir erzählen, meine Lehren bezeugen und ohne mich weiter machen.

Nun ist es also so weit. Nun sind wir allein. Aber Jesu Vermächtnis bleibt. Sein Testament wird geöffnet. Aber es ist eigentlich klar, was darinsteht: Glaubt an Gott, kümmert euch umeinander, vor allem um meine Mutter, erinnert euch an mich und erzählt meine Worte und Taten weiter.

Tja, und deshalb bin ich heute hier: Jesus Testament wird geöffnet. Und ich trete symbolisch sein Erbe an. So wie er es mir aufgetragen hat. Deshalb spreche ich heute zu Ihnen.

Was ich dabei hoffe: dass Gott mir und uns beistehen wird in dieser schrecklichen Zeit. Im letzten Blick von Jesus vor seinem Tod lag für mich trotz seiner Schmerzen Trost und Gewissheit: Gott wird bei uns bleiben, trotz oder gerade wegen dieser grausamen Ereignisse. Den riesigen Verlust und die Leere kann ich trotzdem nicht schönreden. Aber ich bin nicht allein. Das weiß ich jetzt.

Was ich heute vor Ihnen verspreche: Ich werde von dem, was ich mit Jesus erlebt habe, sprechen. So wie heute vor Ihnen. Ich werde alles aufschreiben und es bezeugen. Das ist mein Vermächtnis an Jesus. So wie Jesus sein Testament an mich weitergegeben hat. Die Geschehnisse dürfen nicht vergessen werden.

Und es darf nicht verheimlicht werden, dass Jesus brutal gekreuzigt wurde. Es darf nicht vergessen werden, dass eine aufgebrachte Menschenmenge ihn zum Tode verurteilt hat, obwohl er nichts getan hatte. Es darf nicht vergessen werden, dass auch Leute, so wie ich, Maria und Maria von Magdala dabei waren, die diesen Mob verabscheut haben.

Und es gab stillen Protest gegen diejenigen, die mit Hass und Gewalt auf Schwächere losgegangen sind.

Und Jesus? Er hat in seinem Leben solcher Grausamkeit etwas anderes entgegengesetzt. Er ist achtsam mit anderen umgegangen. Er hat gesagt: Diejenigen, die an Gott glauben, wird man daran erkennen, dass sie sich selbst und andere respektieren. „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ So hat er es gesagt. Das ist sein Vermächtnis an mich, an dich, an uns alle. So sollen wir leben.
Diese Grundhaltung möchte ich weitergeben. Dafür möchte ich mich einsetzen. Heute, morgen und an jedem Tag. Damit Jesus nicht umsonst gestorben ist.

Amen.

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