Resonanz war der Thema der Tagung  der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung, kurz „midi“. 

Die Arbeitsstelle hat am 22. Januar 2019 zum ersten Studientag seit der Neueinrichtung der gemeinsamen Arbeitsstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Diakonie Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) nach Erfurt eingeladen. In den hellen Räumen des Landeskirchenamts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) fanden sich etwa 35 Teilnehmende ein. Titel der Tagung war:

Sehnsucht nach Resonanz in Theologie und kirchlicher Praxis.

Als Keynote-Speaker war Professor Hartmut Rosa eingeladen. Er ist Professor für Soziologie und Resonanzforscher am Institut für Soziologie der Universität Jena. Er ist aufgrund seiner Veröffentlichungen zu Resonanz und Zeit ein begehrter Gastredner. Auch im theologischen Kontext ist er ein gern gesehener Gesprächspartner. Gleichwohl seine Resonanztheorie ein säkulares Konzept darstellt. Aber es ist in vielerlei Hinsicht anschlussfähig an theologische Themen und Fragen. Co-Referent und Dialogpartner war Professor Jörg Hübner, systematischer Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Biblische Nachbarschaften

Eröffnet hat die Tagung die Sondervikarin Anna-Christina Schmidt mit einer Andacht zum Thema. Hans-Hermann Pompe, der Theologische Referent der neuen Arbeitsstelle „midi“ nannte anschließend einige biblische Nachbarschaften zum Resonanzbegriff.

  1. Das gute Leben: Schon in den beiden Schöpfungsberichten werden die Menschen angehalten, ein gutes Leben miteinander und mit der gesamten Schöpfung zu leben. Die Menschen seien von Gott beauftragt, die Schöpfung verantwortungsvoll zu bebauen und zu bewahren. Respektvolle Beziehungen müssten die Menschen also nicht nur zu Gott und den Mitmenschen, sondern zur gesamten Welt führen. Es sind seines Erachtens resonante Tiefenbeziehung, wenn sie achtsam und mit allen Sinnen geführt werden.
  2. Schalom: Die Sehnsucht nach einem ganzheitlichen, gerechten und friedlichen Leben, an dem alle gleichberechtigt teilhaben und alle dazugehören umschreibt den biblischne Schalom-Begriff, wie er in Psalm 34 ausgeführt wird. Schalom entsteht, wenn Menschen verantwortlich miteinander und mit der Schöpfung umgehen und Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben übernehmen. Schalom ist in diesem Sinne ein relationaler Prozess, der gestaltbar ist aber letztlich unverfügbar bleibt und von wechselseitigen Resonanzen lebt.
  3. Sünde: Es sind gescheiterte Beziehungen zu Gott, den Mitmenschen und der gesamten Schöpfung. Martin Luther bezeichnete den Sünder als „homo incurvatus est“, als einen in sich gekrümmten Menschen. Es ist ein Mensch, der nicht in resonant agiert. Im Gegensatz dazu standen die Jünger und Anhängerinnen von Jesus, die auf Jesu Worte und Taten resonant reagierten. Auch die blutflüssige Frau, die Jesus am Rock berührt und ihn anfleht ihr zu helfen, sucht durch die Berührung eine resonante Beziehung zu Jesus (Markus 5). Es ist der Beginn ihrer Heilung.
  4. Unverfügbarkeit: Der Heilige Geist weht, wo er will. Der Geist berührt die Menschen, ohne dass jemand weiß wann und warum. In der biblischen Pfingstgeschichte in der Apostelgeschichte im zweiten Kapitel ist dieses Erlebnis der Jünger und aller Beteiligten auf dem Marktplatz von Jerusalem am eindrucksvollsten beschrieben (vgl. Apg 2; Johannes 3, 8). Offenheit und Aufmerksamkeit braucht es, um diese resonanten Phänomene zu erleben und aufzunehmen.

Was sich Hans-Hermann Pompe fragte: Ist die Resonanztheorie so etwas wie „Fremdprophetie“, die für die Theologie Worte und Metaphern findet, die für theologische Kontexte bedeutsam sind? Nach einer Austauschphase in Kleingruppen nahm dazu Professor Hartmut Rosa Stellung.

Resonanztheorie

Hartmut Rosa beschrieb seine Resonanztheorie so: Die Resonanztheorie ist eine relationale Ontologie. Sie geht aus von einer phänomenologischen, also leibhaften Weltbeziehung, wie sie der Philosoph Maurice Merleau-Ponty beschrieben hat. Subjekte sind das Ergebnis von Beziehungen zwischen Subjekten und der Welt, die relational, leibhaft, kontextbezogen und unverfügbar aufeinander wirken.

Vier verschiedene Merkmale von Resonanz

  1. Resonanz affiziert: Schwingungen ergreifen mich. Ich werde davon berührt. Dadurch kommt etwas in mir zum Klingen und verändert mich. Meine und andere Frequenzen verändern sich, ich komme in Schwingung. Ich bin in dem Prozess weder indifferent noch entfremdet noch abwehrend (repulsiv). Ich höre und reagiere leibhaft auf Schwingungen und schwinge mich ein.
  2. Resonanz ist emotional: (lat: emovere). Ich gehe einem Impuls entgegen und werde berührt. Ich antworte und bekomme leuchtende Augen. Denn Augen sind „Resonanzfenster“, wie alle anderen Sinne auch. Sie können sich öffnen oder verschließen. Gefühle sind im Spiel. Sie verändern mich.
  3. Resonanz transformiert: Resonanzprozesse sind beweglich und flüssig. Sie verändern sich, mich und alle Beteiligten.
  4. Resonanz ist unverfügbar: Ergebnisse solcher Schwingungen sind nicht erzwingbar, nicht verfügbar. Der Geist weht, wo und wann er will. Zeit, Raum und Gelegenheit ergeben sich oder nicht. Ergebnisse sind offen und augenblickhaft. Resonanz wird durch leibhafte Anmutungen erfahren und ist kein Besitz. Entscheidend ist eine Haltung: aufmerksam, achtsam und offen für Schwingungen.

Verschiedene Resonanz-Achsen

  1. Intersubjektiv: Resonanzen sind wechselseitige und relationale Geschehen.
  2. Horizontal: Resonanzen sind weltverbunden.
  3. Vertikal: Resonanzen sind verbunden mit einem Urgrund des Seins als letzten Bezugspunkt (mit Gott, dem ganz Anderen; mit einem Referenzpunkt jenseits jedes Referenzrahmens, o.ä.). Beziehungen und Bezogenheit zwischen Subjekten, Welt und dem Transzendenten ereignen sich und gehören zusammen.
  4. Von innen nach außen und von außen nach innen: Resonante Kunst, Musik und Religion kommen von innen nach außen und gehen von außen nach innen. Die Prozesse sind offen genug, um sich berühren zu lassen und geschlossen genug, um die eigene Stimme im Klang zu finden. Öffnung und Schließung gehören zusammen.

Theologische Perspektiven

Professor Jörg Hübner erwiderte einige Gedanken zur Resonanzthorie aus theologischer Perspektive: Er hält sie für faszinierend in Sprache, Sache und Deutung. Sie erschließt in Metaphern relationale, leibhafte und schließlich unverfügbare Begegnungen. Sie erinnern ihn an Gebet, persönliche Gottesbeziehungen, persönliche und kollektive Erfahrungen von Transzendenzen. Seine stärkste Anfrage hat er an die Resonanztheorie im Hinblick auf Fragen der Macht. Wie kann die Resonanztheorie auch Kategorien von Gerechtigkeit, Zugehörigkeit und Teilhabe aufnehmen und bedenken? Wie kann sie sich gegen Machtmissbrauch wehren?

Gibt es so etwas wie ungebremste Resonanz zum Beispiel in Shitstorms, in digitalen Empörungsspiralen, in Bots und digitalen Algorithmen? Was kann die Resonanztheorie gegen repressive, nationalistische und extremistische Kräfte ausrichten? Ist sie zu romantisch, optimistisch und deskriptiv und zu wenig normativ ausgerichtet? Die Resonanztheorie geht vom Versprechen aus, dass eine bessere Welt möglich ist. Aber: Resonanz ist keine sündenfreie Zone. Soziologie und Theologie sind in normativen Fragen aufeinander angewiesen.

Positiv hält Professor Hübner fest, dass die Resonanztheorie eine Anknüpfung an die Theologie der Hoffnung (Jürgen Moltmann) und an andere eschatologische Heilskonzepte ermöglicht, die innertheologisch schon seit einiger Zeit verstummt sind.

Denn die Resonanztheorie hat einige Strukturähnlichkeiten mit theologischen Entwürfen (relational, leibhaft, transformierend, unverfügbar). Das ist eine große Chance für die Theologie, der im säkularen Kontext zu oft die Worte und Metaphern fehlen, um sich verständlich zu machen.

Entgegnungen

Hartmut Rosa entgegnete den Anfragen von Jörg Hübner: Resonanz ist ein Meta-Kriterium für gelingendes Leben und ist insofern in sich normativ. Resonanz ist folglich kein kategorialer Unterpunkt, der eine normative Einordnung bräuchte. Aber es gibt in seiner Theorie auch eine Resonanzethik. Sie braucht Entfremdungs-Sensibilität und politische Zeitansagen. Dafür braucht es Erprobungsräume in Zwischenräumen. Auch rituelle Vollzüge sind hilfreich.
Rosa sagte weiter:

Populismus entsteht aus Resonanzsehnsucht. Was dabei entsteht sind Echokammern!“

Fazit

Die Tagung war spannend. Sie hat mit Hilfe der Referenten und der Kleingruppenphasen in Bewegung gesetzt und zum Weiterdenken inspiriert. Interessant wäre gewesen, was mögliche Referentinnen gerade zum relational leibhaften Ansatz der Resonanztheorie beigetragen hätten und wie sie den Vorwurf der Machtblindheit der Resonanztheorie aufgenommen hätten. Leider war die Tagung insgesamt sehr männerlastig. Dennoch hat sich die Teilnahme gelohnt. Die Resonanztheorie ist faszinierend, wirkmächtig und aussagekräftig. Sie hat ohne Zweifel einiges hinsichtlich theologischer Fragestellungen beizutragen.

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