Die folgende Predigt habe ich am 23. August 2026 in der evangelischen Christuskirche in Dietzenbach im Rahmen des dortigen CSD-Gottesdienstes gehalten.
Es ist Sonntagabend 18 Uhr am 26. Juli 2026. Ich stehe mit Hunderten anderer junger und älterer Menschen vor dem Hauptbahnhof in Mainz. Die Mehrheit der Menschen ist still. Sie schwenken Regenbogenflaggen in verschiedenen Farbkombinationen und Formen. Viele haben Blumen in der Hand, andere so wie ich eine Kerze.
Es ist eine spontan organisierte Mahnwache aufgrund des islamistischen Terroranschlags am späten Abend vorher in Berlin.
Eine Frau aus Polen ist gestorben, die mit ihrer Tochter in Berlin war, um einen „sicheren“ SCD zu feiern. Mindestens 29 Menschen sind zum Teil schwer verletzt. Der mutmaßliche Attentäter ist von einer Spezialeinheit der Polizei am Tag danach erschossen worden. Ob es Mittäter gibt, wird weiterhin überprüft.
Auf der Mahnwache werden spontane Reden gehalten.
Die Leute stehen da, halten Hände, einige umarmen sich. Sie trauern, manche weinen, andere sind wütend, würden am liebsten lautstark schreiend durch die Stadt ziehen. Die meisten wollen einfach zusammen kommen in der queeren Community & Friends, innehalten und an die Opfer, ihre Angehörigen und Freund:innen denken und füreinander in der Trauer da sein.
Es gibt eine Schweigeminute, dann legen wir Blumen an einen Baum, dessen Stamm mit Regenbogenflaggen geschmückt ist und zünden unsere Kerzen an.
Ich bleibe noch lange da stehen, wie die meisten anderen auch. Ich grüße bekannte Gesichter, nicke unbekannten zu und suche Augenkontakt. Ich bin mit den Leuten um mich herum verbunden in meiner Trauer.
Dabei fällt mir auf: Viele schauen sich immer wieder um: nach vorne, über die Schulter nach hinten, rund herum.
Obwohl wir mehrere Hundert Leute sind und eng zusammenstehen auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs, sind auch Sorge und Angst präsent. Und ich denke: Es braucht Mut und Zivilcourage, um Gesicht zu zeigen.
Sogar beim Trauern
Denn kein Ort ist sicher, nirgends. Nicht einmal bei einer Mahnwache.
Ich spüre es auf meiner eigenen Haut: Ein leises Kribbeln, ein nervöses Zucken, ein Check aus den Augenwinkeln heraus: Wer steht hier noch? Sind uns alle wohlgesonnen? Es gibt hier keine Poller auf dem Bahnhofsvorplatz.
Kann hier ein Auto durchbrettern?
Vier Polizeibeamte stehen am hinteren Ende der Versammlung.
Könnten die uns im Ernstfall schützen?
Es ist die Angst, dass auch in diesen scheinbar geschützten Kreis der Trauer und der Mahnwache eine hasserfüllte Person mit einem Auto hineinfahren könnte oder jemand ein Messer zückt und wahllos auf Menschen einsticht.
Diese Angst geht auch bei mir immer mit.
Wer schützt mich? Was gibt mir Kraft, trotzdem da zu sein und Gesicht zu zeigen?
Ich zitiere dann mein persönliches Bibel-Mantra.
Es steht im 1. Korintherbrief im 16.Kapitel, die Verse 13 und 14. Und es heißt da etwas verkürzt:
„Seid mutig und stark und lasst alles, was ihr tut in Liebe geschehen!“
Dabei geht es dem Apostel Paulus nicht um romantische oder um erotische Liebe, sondern um Respekt, Fürsorge und um Solidarität miteinander. Dieses biblische Mantra stärkt mich und ermutigt mich. Einerseits.
Andererseits denke ich:
„Der Apostel Paulus hatte damals gut reden. Es ist gerade verdammt schwer, mutig zu sein und sich als queere Person zu zeigen!“
Und ich erinnere mich, dass es schon lange so ist:
Im Juni 2022 sind in einer queeren Bar mitten in Oslo beim CSD-Wochenende zwei Menschen ermordet und unzählige verletzt worden. Die Tat war queerfeindlich motiviert und kam aus islamistischen Kreisen.
In Orlando in Florida/USA wurden im Juni 2016 49 Menschen in der queeren Bar „Pulse“ ermordet und über 50 verletzt.
Alle waren in queeren Bars oder auf einer CSD-Feier, weil sie mit Gleichgesinnten feiern und sich endlich einmal einigermaßen sicher fühlen wollten.
Vor drei Jahren wurde auf dem CSD in Bremen der Transmann Malte ermordet, als er zwei lesbischen Frauen gegen aggressive Pöbeleien zu Hilfe gekommen ist. Und ich könnte diese Reihe endlos weiterführen.
Genau diese scheinbare Sicherheit nutzen Islamisten, Rechtsradikale und andere immer wieder aus, um unschuldige Menschen zu bedrohen, zu beleidigen, zu ermorden und das Leben der Angehörigen und Freund:innen zu zerstören.
Und es gibt eine ganze Reihe von Menschen, die meinen, dass solche Massaker gerechtfertigt sind. Denn die Betroffenen seien ja selbst schuld. Wenn sie nicht so einen „unmoralischen“ Lebenswandel hätten, wenn sie mehr beten würden, wenn sie ihr Verhältnis zu Gott in Ordnung bringen würden, ja dann würde ihnen das auch nicht passieren. So heißt es immer wieder.
„Ehrbare Bürger“ gingen eben nicht zu einer queeren Bar oder zu einer Pride-Parade. Wer dahin gehe, müsse mit „sowas“ eben rechnen. Ich habe im Laufe meines Lebens nicht nur eine Person so schwadronieren hören.
Was geht in solchen Menschen vor, dass sie nicht einmal angesichts von unzähligen Toten und Verletzten schweigen und ihre hasserfüllten Vorurteile unterdrücken können?
Und ich denke: „Ihr habt keine Ahnung, was eine queere Bar wie das Pulse in Orlando oder ein CSD-Gottesdienst in Berlin, Mainz, Dietzenbach oder anderswo für viele Menschen bedeutet.“
Ich erinnere mich an meine eigene erste Erfahrung in einer Lesbenbar in Hamburg vor etwa 40 Jahren. Ich war jung, aufgeregt und unsicher. Wie wird das sein? Wie werde ich mich fühlen? Was sagen die anderen?
Ziemlich schnell wird mir klar: Hier kann ich sein, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen, muss nichts verstecken, muss mich nicht dafür rechtfertigen, wen ich liebe und wer ich bin. Ich muss mir auch keine dummen Kommentare anhören und keine verächtlichen Blicke aushalten, wenn ich eine Frau küsse. Ich und andere dürfen dort einfach sein, wie wir sind.
Über die Jahre wurde für mich die Lesbenbar in Hamburg und viele andere queere Bars im In- und Ausland zur Heimat.
Ein sicherer Ort auf Zeit, der alle einlädt: Lesben, Schwule, Bi- und Trans-Personen, Non-binäre, Queers, Heteros und alle, die anders anders sind und sich mit uns verbunden fühlen. Eine Regenbogenfahne markiert viele dieser Orte als gastfreundlich und offen. An solchen Orten erlebe ich wohlwollende Blicke, freudige Umarmungen und Gelächter, tolle Partys, Flirts und gute Musik.
Aber ich habe dort auch Tränen gesehen, Trauer und Angst erlebt. Angst vor Ausgrenzung, Erniedrigung, Häme und Gewalt, die vielen im Alltag drohen und die die meisten auch schon erlebt haben.
Wie dramatisch ist es, wenn ausgerechnet solche scheinbar sicheren Orte Ziele von Anschlägen, Hass und Gewalt werden! Sie nehmen uns damit die letzten sicheren Orte und die Angst geht immer mit.
Und genau deshalb ist auch mein biblisches Mantra immer mit dabei:
„Seid mutig und stark und lasst alles, was ihr tut, in Liebe geschehen!“
Ein Mut-Ausbruch eben, so wie es heute in diesem Gottesdienst heißt.
Ein lauter Trotzdem-Ruf, ein leises Gebet, eine Kerze anzünden, wenn nichts anderes mehr geht. Anteilnahme und da bleiben, wenn andere bedrängt werden. Ja, das ist oft schmerzhaft, schwierig, sogar beängstigend. Aber jede kleine Geste zählt. Jedes Gebet wirkt auf ganz eigene Weise.
Manchmal überfordert das. Daher ist es so wichtig, sich nicht vereinzeln zu lassen und mit anderen zusammen zu CSD-Paraden und zu CSD-Gottesdiensten zu gehen und sich für Gleichberechtigung, Respekt und Solidarität einzusetzen. So wie heute Morgen hier in Dietzenbach.
In siebzig Ländern der Welt ist Homosexualität immer noch strafbar, in sieben Ländern droht bei schwulem Sex die Todesstrafe. Verdeckte Mikroaggressivität und sichtbare Ausgrenzung und Diskriminierung, homo- und transfeindliche Gewalt sind an vielen Orten weltweit an der Tagesordnung.
Die Forderungen nach Respekt und gleichen Rechten sind heute so aktuell wie damals im Jahr 1969, als alles begann in der „Stonewall-Inn“-Bar in der Christopher Street in New York, als sich erstmals queere – vor allem – schwarze Personen und Person of Color – gegen Polizeigewalt und Razzien wehrten und damit die queere Befreiungsbewegung gestartet haben.
So sind auch wir auch als christliche Gruppe am 25. Juli, am Tag vor der Terrorattacke in Berlin mit etwa Zwölftausend queeren Personen, Allies & Friends durch die Mainzer Innenstadt gezogen und haben an der diesjährigen Christopher-Street-Day-Parade teilgenommen. Und vorher und danach Hunderttausende in vielen anderen Städten weltweit.
Es war heiß, bunt, laut, fröhlich.
Viele selbst gemalte Schilder, Flaggen und Banner waren in Mainz zu sehen.
Was drauf stand: „Mainz bleibt bunt!“, „Liebe statt Hass!“, „Love is love!“, „Gemeinsam aufstehen für Vielfalt und füreinander einstehen!“ „Solange nicht alle ihre Rechte haben, hat niemand seine Rechte!“,
„Queere Menschen sind Kinder Gottes wie alle anderen auch!“
Und so laufen wir in diesen Wochen in Frankfurt, Darmstadt, Offenbach, Groß Gerau, Hamburg, Münster, Lüneburg, Amsterdam und Stockholm – aber auch in Städten in Sachsen-Anhalt und Sachsen, wo queere Personen und ihre Freund:innen wirklich Mut brauchen, um auf die Straße zu gehen – trotz Pöbeleien und Gegendemonstrationen. Gott sei Dank sind alle weiteren CSD-Paraden im In- und Ausland bisher friedlich geblieben.
Nicht wenige queere Personen, mit denen ich nach der Mahnwache in Mainz gesprochen habe, sagen wütend, traurig oder resigniert:
„Der Anschlag auf dem CSD in Berlin ist schrecklich, aber er wundert uns nicht. Die verbale und auch die körperliche Gewalt gegenüber queeren Personen und ihren Unterstützer:innen nimmt schon seit Jahren wieder zu.“
Rechtspopulistische und rechtsnationale Stimmen nutzen nicht selten religiös aufgeladene Sprache, um queere Menschen zu dämonisieren und als gottunwürdig oder sündig zu verdammen. Sie beschuldigen sie wahlweise, für den Verfall westlicher Werte verantwortlich zu sein oder für den Geburtenrückgang, für den wirtschaftlichen Niedergang oder für das nahende Ende der Welt. Diese Sündenbock-Narrative führen immer häufiger zu gewalttätiger Sprache, zu Drohungen bis hin zu körperlichen Übergriffen.
Diesen Missbrauch müssen wir gerade als christliche Gemeinden und auch als Personen anderer Religionen und Weltanschauungen kritisieren und bekämpfen. Religiöse Sprache und Bibelzitate dürfen nicht als Waffe gegen Menschen eingesetzt werden. Das ist zutiefst unchristlich und unmenschlich.
Ich denke dann oft an die beeindruckenden Reaktionen der Menschen in Oslo nach dem queerfeindlichen Attentat im Juni 2022.
Die queere Community und ihre Freund:innen feierten damals Trauergottesdienste und gingen mit Rosen auf die Straße. Sie ließen sich nicht vereinzeln und riefen immer wieder laut: „Liebe ist stärker als Hass!“ oder: „Meinen Hass bekommt ihr nicht!“ und zitierten dabei den Journalisten Antoine Leiris aus Paris. Der hat bei dem verheerenden Attentat von Islamisten in Frankreich im November 2015 vor dem Fußballstadion in Paris und in der beliebten Bar Bataklan, bei dem hunderte Menschen ermordet und verletzt wurden, seine Ehefrau verloren. In den Monaten danach hat er seine Trauer in einem Buch verarbeitet. Es heißt „Meinen Hass bekommt ihr nicht!“
Eindrucksvoll schildert er da, wie er als Witwer versucht, seinen kleinen Sohn ohne Mutter aufzuziehen und ihn trotz aller Trauer und allem Verlust vor Hass und Verbitterung zu beschützten. Er durchbricht damit die Logik von Gewalt und Gegengewalt entzieht sich der Macht der Terroristen, die genau das wollen: Verunsicherung, Angst, Hass und Gewalt schüren auf öffentlichen Straßen und Plätzen, um westliche Gesellschaften von innen heraus zu vergiften.
„Meinen Hass bekommt ihr nicht!“
„Seid mutig und stark und lasst alles, was ihr tut, in Liebe geschehen!“
Diese Grund-DNA des Christentums macht christliche Gemeinden aus. Überall auf der Welt. Sie setzten sich für Rücksichtnahme und Respekt ein. Sie schaffen sichere Orte für diejenigen, die sie brauchen. Sie unterstützen sich und achten aufeinander. Daran können Gemeinden mit Haltung und Zivilcourage erkannt werden.
Seid mutig und stark und lasst alles, was ihr tut, in Liebe geschehen.
Das bedeutet nicht, naiv von Liebe zu predigen, ohne Unrecht, Gewalt und Missstände beim Namen zu nennen und zu kritisieren. Nein, es bedeutet standhaft zu sein, Zivilcourage zu zeigen und unabhängig von allen Provokationen und aggressiven Angriffen respektvoll zu bleiben. Es bedeutet Achtung und Fürsorge füreinander. Genau das können wir miteinander und füreinander tun. Hier in Dietzenbach und überall auf der Welt, wo Menschen menschlich bleiben und füreinander einstehen. Nur so kann der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt unterbrochen werden.
„Meinen Hass bekommt ihr nicht!“
„Seid mutig und stark und lasst alles, was ihr tut, in Liebe geschehen!“
Es ist nicht nur eine christliche, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für Sicherheit, Respekt und gleiche Rechte für alle einzutreten. Denn eine Gesellschaft ist nur so sicher, wie sich Minderheiten in ihr sicher fühlen.
Eine Kirche ist nur so sicher, wie sich Minderheiten in ihr sicher fühlen.
Was der Apostel Paulus damals in seinen Briefen den christlichen Gemeinschaften, die als Minderheit lebten, mit auf den Weg gegeben hat, gilt auch heute noch.
Und ich sage es mit meinen Worten:
Ihr seid nicht allein. Gott ist da und begleitet euch auf euren Wegen.
Denn die Macht der Liebe ist stärker als Hass. Das ist weder dumm noch naiv, sondern existenziell notwendig, um als Christ:in erkennbar zu bleiben und Nächstenliebe nicht nur zu predigen, sondern auch zu tun.
Lasst euch nicht vereinzeln! Gemeinsam können wir Gesicht zeigen und mutig sein, auch wenn die Angst immer mitgeht.
Gemeinsam können wir Orte menschenfreundlich und möglichst sicher für alle gestalten.
Jede einzelne Person ist dafür wichtig. Jede einzelne Person!
Und Gott ist mitten drin dabei.



Letzte Kommentare