Der Prophet Jeremia spricht in diesem Bibelvers vom ziehen, besser vom zu sich ziehen. Ein merkwürdiger Ausdruck. Ich habe mir dazu Gedanken gemacht.

„Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jeremia 31,3)

Vom Ziehen ist hier die Rede. Konkreter: zu sich hinziehen.
Das klingt erst einmal seltsam.
Muss ich gezogen werden?
Ist es nicht meine Entscheidung, wann ich wo hingehe und zu wem oder nicht?
Muss mich Gott  unbedingt zu sich ziehen?

Ich denke mir das so: Manchmal kann oder will ich nicht selbst losgehen, will mir nicht helfen lassen, will nicht begleitet werden. Will auch keine Nähe haben. Auch nicht zu Gott.
Distanz und Abgrenzung sind wichtig im Leben.
Aber es gibt auch Situationen, da hätte ich gerne Nähe, kann sie aber selbst nicht herstellen. Ich schaffe es nicht. Wenn dann andere aktiv werden, ist es ein Geschenk.
Wenn andere einfach zu mir kommen, mir Hilfe anbieten, wenn ich selbst nicht mehr kann.
Wenn eine Freundin mich zum Trost umarmt  oder wenn mich jemand im richtigen Augenblick über eine Schwelle zieht.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich mitten in meinem Theologiestudium eine ernste Krise hatte.
Will ich Theologie weiter studieren?
Will ich wirklich Pfarrerin werden? Kann ich das vertreten, was in der Bibel steht?
Und ist das nicht widersprüchlich?
Und will ich überhaupt eine Kirche repräsentieren, deren Theologie ich langweilig finde?

In dieser Phase absolvierte ich ein Gemeindepraktikum in einem Stadtteil von Frankfurt am Main.
Die dortige Gemeindepfarrerin wurde meine Mentorin.
Mit ihr sprach ich viel und lange über meine Fragen und Zweifel.
Sie hörte geduldig zu, nahm mich überall mit hin, ermutigte mich selbst Verantwortung zu übernehmen.
Ich hielt meinen ersten eigenen Gottesdienst und wurde auch in anderen Veranstaltungen aktiv.
Die Praxis machte mir Spaß. Die inhaltliche und persönliche Begleitung durch die Mentorin taten mir gut.
Zum Ende meiner Zeit als Praktikantin nahm mich meine Mentorin zur Seite und redete mir gut zu:

„Du bist den Menschen auf Augenhöhe begegnet.  Du hast Fragen gestellt und keine vorschnellen Antworten gegeben. Du warst kritisch, wo es dir wichtig war. Das ist es, was du als  Theologin und Seelsorgerin brauchst. Ich ermutige dich, dein Examen zu machen und als Vikarin Erfahrungen zu sammeln. Probiere es einfach aus und entscheide danach! Und wenn du Hilfe brauchst: notfalls schleppe ich dich eigenhändig zur Examensprüfung.“

Heute weiß ich, wie wichtig dieser Ratschlag der Mentorin für mich war. Ich beherzigte ihren Rat und machte mein Examen. Ich bin ihr bis heute dankbar dafür, dass sie mich buchstäblich über die Schwelle gezogen und mich zum Weiterstudieren ermutigt hat.

Auch für den Propheten Jeremia war der biblische Vers eine existenzielle Erfahrung:  Aufgrund seiner kritischen Prophezeiungen wurde er in einen tiefen Brunnen geschmissen und eingesperrt. Er sollte zum Schweigen gebracht werden und dort sterben. Aber Ebed-Melech, ein schwarzer  Kämmerer des Königs, setzte sich beim König Zedekia für den Propheten ein. Ebed-Melech, der schwarze Vertraute des Königs, war selbst ein Außenseiter. Und er setzte sich für Jeremia ein, einen anderen Außenseiter. Es hätte auch für Ebed-Melech Konsequenzen haben und gefährlich werden können.  Aber er ließ sich nicht davon abbringen.

Der König hatte schließlich ein Einsehen und erlaubte Ebed-Melech, Jeremia zu befreien. Mit drei anderen Männern zusammen zog er Jeremia wieder aus dem Brunnen heraus und rettete damit sein Leben (Jeremia 38,4-13). Ziehen als buchstäblicher Akt der Lebensrettung.

Mehrfach hat Jeremia Verleumdungen, Verhaftungen und Gewalterfahrungen erlebt. Immer wieder wurde er gerettet. Gott hat ihn zu sich gezogen und befreit. Das hat Jeremia ermutigt, seinen gefährlichen  Auftrag als Prophet weiter auszuführen. Genau wie Jeremia damals werden Menschen auch heute in Gottes Gegenwart hineingezogen. Wenn sie es zulassen: Beim Aufbrechen, Beim Weitergehen, beim Neuorientieren, beim Krise-hinter-sich-lassen. Und wer sich ziehen lässt, wird unterstützt, wenn sie oder er eine neue Schwelle überschreitet.

Ich wünsche uns allen, dass wir immer wieder Menschen begegnen, die uns über eine Schwelle ziehen, wenn wir es alleine nicht schaffen. Und wenn niemand anderes da ist. Der biblische Vers verspricht: Gott ist da und zieht uns zu ihm hin. Aufbrechen mit Gottes Segen.

 

Diese Predigt wurde am 01.09.2016 gehalten während der Morgenandacht der Sommeruniversität des Evangelischen Studienwerks in Villigst.

 

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